PräambelDie Arbeit in Psychiatrie und Psychotherapie unterliegt einem ständigen Entwicklungsprozess, der in den letzten Jahren erheblich an Geschwindigkeit gewonnen hat. Verantwortlich hierfür sind die zunehmend kürzeren Zeitabstände, in denen in unserem Fachgebiet neue grundlagenwissenschaftliche und anwendungsbezogene Erkenntnisse gewonnen werden, bedeutsame Änderungen in unserem Gesundheitssystem und ihrer Finanzierung sowie gesundheitspolitische Veränderungen. In der psychiatrischen Versorgung sprechen wir häufig vom „mündigen Patienten“. Dieser Anspruch stellt hohe Anforderungen an uns und ist gerade deshalb von zentraler Bedeutung. Für unsere Arbeit besonders bedeutsam ist der zunehmende Anspruch auf partnerschaftlichen Umgang zwischen Patienten und Behandlern. Er bedeutet eine stärkere Mitentscheidung unserer Patienten über die Behandlungsziele und über den therapeutischen Prozess, verbunden mit einer vermehrten Übernahme von Eigenverantwortung. Handlungsleitende Grundsätze hierfür sind deshalb ein ganzheitlicher und partizipativer therapeutischer Ansatz, das heißt eine partnerschaftliche Beteiligung des Patienten am Therapieprozess. Hieraus ergeben sich für unser Krankenhaus nachfolgende Grundsätze der Behandlung und Betreuung:
Der Therapieprozess
TherapiezieleTherapieziele spielen sowohl aus der Sicht der die jeweilige Therapieform durchführenden Therapeutinnen als auch aus der subjektiven Perspektive der Betroffenen eine wichtige Rolle für die Therapiemotivation, Indikation, Therapieplanung und den Therapieprozess. Unsere Behandlungsziele sind entsprechend unserem Arbeitsauftrag prinzipiell das Heilen, Lindern und Verhindern von erneuten Erkrankungen oder Verschlimmerungen psychischer Störungen. Daher kommt dem Abstimmungsprozess zwischen den Beteiligten eine hohe Bedeutung zu: Therapieziele müssen in der ersten Phase der Therapie kooperativ erarbeitet, gut geklärt und laufend überprüft werden. Allen Therapien, die wir durchführen, liegt grundsätzlich eine Einteilung in folgende drei Therapiephasen zugrunde: - Phase der Stabilisierung, Diagnostik und Therapieplanung
- Therapie- und Veränderungsphase
- Transferphase
- Die Phase der Stabilisierung, Diagnostik und Therapieplanung schließt die Pla-nung der Therapieziele als ganz wesentlichen Faktor mit ein.
Bei der gemeinsamen Formulierung dieser Therapieziele spielen die in der Diagnostik festgestellten bio-psychosozialen Defizite und auch Ressourcen eine wesentliche Rolle. Therapeutisch geht es nicht darum, auf Defizite hinzuweisen, sondern die Entwicklungsmöglichkeiten des Patienten im Auge zu behalten. In der Therapieforschung hat sich gezeigt, dass insbesondere solche Bewältigungsfertigkeiten im Alltag von Patienten eingesetzt werden, die ihren bisherigen Fähigkeiten Rechnung tragen. Dabei kommt dem „ressourcenorientierten“ Ansatz unserer Behandlungskonzepte eine besondere Bedeutung zu. Die Formulierung von Therapiezielen geschieht in einer erfahrungsnahen Sprache und unter Berücksichtigung eines wesentlichen Behandlungsfokus Therapiezielfindung Die Vereinbarung von Therapiezielen erhöht für alle Beteiligten die Transparenz des gesamten Behandlungs- prozesses und erlaubt die Überprüfung der Effektivität der individuellen Behandlung. Probleme werden gemeinsam mit dem Patienten erkannt und mit Bezug auf einzelne Schwierigkeiten werden ggf. konkrete Ziele vereinbart (Therapieplanung). Die Therapieziele sollen dabei - auf der Basis eines Fokus - so konkret (operationalisierbar) wie möglich sein, so dass jederzeit für die Patienten und auch das Behandlungsteam leicht zu bestimmen ist, in wie weit das Ziel inzwischen erreicht wurde. Wiederherstellung der körperlichen IntegritätDieses Ziel steht häufig zu Beginn einer Behandlung im Vordergrund, da ein bestimmtes Ausmaß körperlicher I ntegrität bereits Voraussetzung für die umfassende Diagnostik ist. Eine besondere Rolle spielt dieses Therapieziel beispielsweise bei der Behandlung älterer Menschen, nach Intoxikationen, Suizidversuchen und in der Entzugs- behandlung sowie bei körperlichen Erkrankungen, die aufgrund der psychischen Erkrankung bislang nicht aus- reichend diagnostiziert und behandelt werden konnten und die selbst Grundlage der psychischen Erkrankung sind. Reduktion der psychischen SymptomeDas häufig von Patienten am vordringlichsten genannte Ziel ist die Besserung der Symptome. Oft ist mit diesem Ziel der Symptomreduktion eine passive Therapieerwartung verknüpft. Es ist durchaus als ein Teilerfolg der Behandlung zu interpretieren, wenn Patienten das unspezifische Ziel des Loswerdens der Symptome durch spezifischere Ziele ersetzen oder zumindest ergänzen und einen Entwicklungsspielraum bei sich erkennen können. Das Formulieren konkreter und durch die Patienten (eventuell mit Unterstützung) zu erreichender Ziele zeigt allen Betroffenen die Beeinflussbarkeit der Symptomatik und setzt somit dem Gefühl der gelernten Hilflosigkeit etwas entgegen. Entscheidend ist jedoch nicht der Rückgang äußerer Symptomatik, sondern die Umstrukturierung innerseelischer Abläufe durch Fokus orientierte Arbeit mit dem Patienten auf der Basis einer vertrauensvollen und verlässlichen Beziehung. Umfassendes Verständnis der ErkrankungPsychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung ist ohne die aktive Mitwirkung des Patienten und teilweise auch seiner sozialen Umwelt in vielen Fällen nicht möglich. Die Schaffung einer hohen Bereitschaft zur aktiven Mitwirkung und Verantwortungs-übernahme durch Patienten ist somit von wesentlicher Bedeutung für den Therapieerfolg. Eine konstruktive Mitwirkung an der Behandlung und Prävention kann jedoch von Patienten nur geleistet werden, wenn sie die Symptome ihrer Erkrankung "verstehen" und in einen sinngebenden Kontext einordnen können. Die Information über die eigene Erkrankung sowie deren Hintergründe ist damit ein zentrales Element jeder psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung. Patienten kann im Rahmen der Psychoedukation ein Modell ihrer Erkrankung und der darauf beruhenden Therapie- und Präventionsmaßnahmen vermittelt werden. Eine solche Vermittlung kann jedoch auch in anderen Formen der gesprächsorientierten Zusammenarbeit geschehen. Außer der reinen Information über die Erkrankung und deren Behandlungsweisen ist es in vielen Fällen wichtig, dass Patienten die Symptome ihrer Erkrankung in einen lebensgeschichtlichen Zusammenhang stellen können. Symptome können hierdurch verstehbarer, berechenbarer und somit weniger bedrohlich erscheinen. Diese Zusammenhänge führen als Folge einer erlebten positiven therapeutischen Beziehung zu einer inneren Umstrukturierung auf der Grundlage der in den Therapiezielen herausgearbeiteten Kernprobleme (Foci). KrankheitsbewältigungBei psychischen Erkrankungen kann das Ziel einer vollkommenen Heilung unter Umständen unrealistisch sein, da es das Wesen solcher Erkrankungen ist, immer wieder Symptome bilden zu können. Wird von Patienten und Behandlungsteam das unrealistische Ziel einer umfassenden Gesundung angestrebt, wird jeder "Rückfall" bzw. jedes Wiederauftreten der Symptome als enttäuschend erlebt und die eigene Hilflosigkeit vergrößert. Psychische Erkrankungen führen zudem in vielen Fällen zu mehr oder minder schwerwiegenden Folgen in verschiedenen Lebensbereichen ("Krankheitsfolgen"). Aus diesen Gründen ist bei der Behandlung psychischer Erkrankungen ein wichtiges Therapieziel der Erwerb angemessener Verhaltensweisen zum Umgang mit der Erkrankung und ihren Folgen. Verfügt ein Patient über solche Bewältigungsmöglichkeiten, so reduziert dies die Angst vor Rezidiven und macht die Krankheit insgesamt besser einschätz- und beherrschbar. Bewältigung und Verarbeitung von psychischer Belastung Bei vielen psychischen und körperlichen Erkrankungen und insbesondere bei chronischen Erkrankungen erhöht eine allgemeine psychosoziale Belastung die Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs von Symptomen. Die Analyse der Bewältigungsfähigkeiten im Umgang mit psychosozialer Belastung und auch gegebenenfalls die Verbesserung der vorhandenen Fähigkeiten sind deshalb in vielen Fällen ein wichtiges Therapieziel. Die Stressforschung hat gezeigt, dass nicht alleine die Charakteristika der belastenden Faktoren ("Stressoren") darüber entscheiden, wie groß die entstehende Belastung ist. Ganz entscheidend sind die Kompetenzen, die zur Bewältigung der Stressoren vorhanden sind. Psychosoziale aversive Situationen sind dann weniger belastend, wenn jemand über angemessene Methoden ("Copingstrategien") verfügt, mit ihnen umzugehen. Eine günstige Stressverarbeitung ist ein besonders häufiges Ziel, weil ungünstige Muster der Stressverarbeitung eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und insbesondere der Aufrechterhaltung von psychischen Störungen spielen. Umgekehrt wirkt eine günstige Stressverarbeitung immer auch prophylaktisch günstig. Eine Beeinflussung der Stressverarbeitung (Stressreaktivität) i. S. von Stressverminderung geschieht unter Anderem durch Verbesserung selbstregulativer Fähigkeiten. Selbstregulation wiederum ist wesentlich abhängig von Bindungssicherheit. Auf diese Weise ist eine verlässliche Bindungserfahrung entscheidend für das Ausmaß an Stressreaktivität und das Empfinden von Stresskontrolle. Krisenbewältigung
Die meisten unserer Patienten kommen im Rahmen einer krisenhaften Zuspitzung zu uns. Insofern spielt die Krisen- bewältigung als ein Ziel unter mehreren immer eine Rolle. Bei einem Teil unserer Patienten ist die Bewältigung der aktuellen Krise sogar das Hauptziel der Behandlung. Dies ist z.B. bei eher kurzfristigen Krisen nach gravierenden Lebensereignissen oder bei krisenhaften Zuspitzungen einer bekannten chronischen Erkrankung der Fall. Aktivierung Da viele psychische Störungen zu Rückzug und Inaktivität führen, ist die Aktivierung auf der körperlichen, psychischen und sozialen Ebene ein häufiges Ziel der Therapie. Dabei wissen wir heute, dass körperliches Training auch positiv, d.h. ausgleichend und aktivierend auf das Empfinden und Verhalten wirkt. (Wieder-) Erlernen günstiger Erlebens- und Verhaltensweisen, KompetenzenIm Verlauf psychischer Erkrankungen und in deren Vorgeschichte werden und wurden häufig ungünstige Interaktions- muster erlernt, die wieder verlernt und durch günstigere Erlebens- und Verhaltensweisen ersetzt werden sollten. Dazu gehört auch das (Wieder-) Erlernen von Basiskompetenzen, wie z.B. von sozialer Kompetenz. Dieses Lernen geschieht vor allem durch neue Erfahrungen im Umgang mit dem therapeutischen Team. Beziehungsgestaltung Psychische Störungen beeinflussen sehr häufig das Erleben und Verhalten der Betroffenen in der Beziehung zu den wichtigsten Menschen, z.B. in der Partnerschaft und/oder in der Familie. Gleichzeitig beeinflussen die Beziehungen das psychische Befinden ganz erheblich. Änderungen in der Beziehungsgestaltung wirken sich häufig positiv auf die psychische Gesundheit aus. Besonderen Wert legen wir auf die Entwicklung zumindest organisierter Bindungsmuster, die verlässliche Vorhersagen in Interaktionen erlauben. Sinnfindung Die psychische Erkrankung mit all ihren Folgen führt häufig zu einer Erschütterung des gesamten inneren Bildes, das sich die Betroffenen von der Welt und sich selbst gemacht haben. Verbunden ist diese Erschütterung nicht selten mit dem Gefühl von Sinnlosigkeit. Daher spielt die Sinnfindung eine bedeutende Rolle als Behandlungsziel und schließt ggf. die religiös-spirituelle Ebene des Menschen mit ein. Nutzung vorhandener RessourcenFast alle Patienten kommen nicht nur mit Problemen zu uns sondern mit z.T. beträchtlichen Ressourcen, die für die Gesundung und spätere Aufrechterhaltung der Gesundheit wichtig sind. Gelegentlich sind sich die Betroffenen aber nicht darüber klar, weil sie selbst in einer negativen Sicht der Dinge verhaftet sind. Daher ist es fast immer ein Ziel der Behandlung, diese Ressourcen gemeinsam wieder zu entdecken und für den Einzelnen nutzbar zu machen. Die eigenen Ressourcen verbunden mit einer Stärkung von Eigenverantwortlichkeit über innere Unstrukturierungen und veränderte Beziehungserfahrungen durch die Behandlung sind immer Fremdhilfen vorzuziehen. Reaktivierung und Aufbau sozialer Netzwerke, familiäre und berufliche Reintegration Dazu gehört immer dann die Reaktivierung sozialer Netzwerke, wenn diese im Prinzip vorhanden, aber durch den sozialen Rückzug nicht mehr aktiv sind. Auch im beruflichen Bereich lassen sich häufiger als zunächst angenommen Arbeitsplätze erhalten. Für die häufig belasteten Familien ist es ein wichtiges Ziel, eine ausreichende Aufklärung und Unterstützung zu erhalten. Aus therapeutischer Sicht sind die Klärung und - wenn möglich - Korrektur problematischer Interaktionsmuster ebenfalls häufige Ziele. In den seltenen Situationen völligen Fehlens sozialer Netzwerke ist es das Ziel, neue Ansätze zu finden. Planung weiterführender MaßnahmenDas Ziel voll- und teilstationärer Behandlung in unserem Zentrum ist es, weitere notwendige therapeutische, psychosoziale, berufsbegleitende, pflegerische und ggfls. juristische Hilfen zu planen bzw. zu veranlassen. Dies ist wichtig, da die Behandlungserfolge sonst kaum gehalten werden können. Andererseits sind jedoch auch eine Überversorgung und übermäßige "Anbindung" an das professionelle Hilfesystem zu vermeiden. Das langfristige Ziel ist immer die Erreichung maximal möglicher Selbständigkeit.
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